Letzter Halt vor dem Ausstieg

Tag für Tag verstreicht
und ohne Handlung stehst du da.
Blockiert, erstarrt.
Zum Platzen voll Ideen und Tatendrang,
zum Sterben leer, nicht existent.
Strebst Tag für Tag verloren,
auszubrechen.

Du hast wohl schon zu weit,
hinter die Klappen unsrer Scheu geschaut.
Man kann nicht ungesehen machen,
was einmal gesehen.

Versuchst ein Mittelweg zu gehen,
studieren, greifbare Bestätigung zu kriegen
– du hast es jetzt zu was gebracht.
Ganz still, nur ab und an
wie ein bedeutungslosen Nebenjob,
versuchst du vor dir selbst ein Zeugnis abzulegen
visierst vergrabene Träume an.

Brav nach dem Studium
kannst du ja endlich dann beginnen,
den Wünschen deines Herz zu folgen,
endlich den Raum eröffnen
mehr zu finden wagen,
als bloß das Streben weg.

Kurz vor der Ziellinie
sie ist schon fast in Sicht.
Doch je näher sie rückt,
desto langsamer wirst du.
Ein jeder Schritt,
voll Widerstand gesträubt.

Hast du Angst,
weil du weißt am Ende dieser Linie
wartet deine Entscheidung,
deine eigene Verantwortung,
der Weckruf deiner Träume?

Oder willst du doch bloß nicht mehr
entgegen schreiten einem Ziel,
über dessen Sinn
du längst hinausgewachsen bist.

Wie kannst du dich umdrehen
wenn du so weit gekommen bist,
denkst du.
Doch welchen Unterschied macht es,
wie weit auf einem Weg vorangeschritten,
der einem falschen Ziel entgegenstrebt?

Der alten Welt den Rücken zugekehrt,
Die Neue nicht in Sicht,
Stehst du in leerem Raum
Und wagst kein Schritt nach vorne.

Redest dir ein, diesen Schein doch zu brauchen,
Verschafft er dir Gehör der Menschen,
die allesamt vergessen haben,
dass Etiketten nur verschleiern
geniale Lebenskraft, die einem jeden Wesen innewohnt.

Er gibt dir Sicherheit, sagst du,
auch wenn du weißt, dass das Wort Schein
nur all zu treffend ist gewählt.

Eine Karriere machen?
Das kam dir nie in den Sinn.
Einen Dienst, der Licht und Liebe bringt,
in diese Welt,
dem wolltest du nachgehen.

Du bist gefangen im alten Heim,
das in klebrigen zähen Fäden dich einlullt.
Funken der Nostalgie in deinem Herzen
immer wieder zu entflammen sucht.
Dein Geist hat sich doch längst von dir davon gemacht
voll Mut die Himmel zu berühren
und schaut nicht mehr zurück.

Wie kannst du glauben einen Dienst der Liebe
hier vollbringen zu können,
wenn der Raum für dein Werk
so tief im Lüg’ngebäude steckt?

Du hast es längst Leid,
dich beschmutzt, benutzt zu fühlen.

Für unser Leben sind wir dankbar hier.
Uns geht es gut.
Nur in Momenten, rar,
wenn wir rausfallen,
aus dem ewigen Rad
der Angst,
dem Taumel von geschäft’ger Tätigkeit
dem Streben nach dem nächsten nichtsbedeutenden Erlebnis,
dass uns für einen kurzen Augenblick betäubt
und uns vergessen lässt.

Wagen wir einen scheuen Blick,
hinter den Vorhang unserer heilen Welt,
dann bemitleiden wir die armen Wesen,
irgendwo da draußen,
sicher weit von uns entfernt,
deren Wirklichkeit
von Leid durchdrungen wir erspähen.

Kaum jemand hält es aus dorthin zu sehen,
denn in jedermann schlummert’s –
es ist verwoben auch mit unsrem Sein.

Vor Fassungslosigkeit schreist du jedoch erst dann auf
wenn auch dich dieses grelle Licht erreicht,
um fortan täglich aufzuflackern,
und gnadenlos all die Facetten
des Trugbilds zu beleuchten,
das du bis dahin als deine Freiheit geglaubt.

Wie kannst du nur einen Moment dran glauben,
Im Notfall sei der Schein,
einer der Rückkehr.

Ja wenn du dich entschieden hast,
in Ketten da zu liegen,
dann bleib doch auch ganz auf dem Boden –
eine unbestimmt große Lücke im Lebenslauf
erschafft hier eine Kluft,
es braucht nicht viel –
von einem wertvollen Mitglied
fällst du zu einem Rotz herab,
der von Nasenrümpfen und
vielleicht einem Funken Mitleid,
begleitet,
durch das nicht allzu engmaschige Netz
der Gefährten fällt.

Das Neue ist unklar, wage und ungewiss,
wie es Neuem so eigen ist.
Ich weiß Angst hast du
auch aus diesem Traume zu erwachen,
du spürst noch wie die Glasglocke
von deinem alten Heim zerbrach.

Doch bleibt dir keine andre Wahl –
du bist geboren um dem Herz zu folgen.
Nach Wahrheit strebst du und willst wirklich frei sein.
Einen Schritt tue vor den anderen nach vorn.
Was du gesehen hast,
bleibt nicht ungesehen.

P.S.: Dieser Text ist 2013 entstanden, zu einer Zeit wo ich mich widerwillig durch mein Studium quälte und spürte, dass etwas nicht stimmt. Meine Kreativität war total blockiert und ich hatte Schwierigkeiten mein altes Leben hinter mir zu lassen, um Neuem Raum zu geben. In manchem Punkt habe ich inzwischen eine andere Ansicht, da es aber ein lyrischer Text ist, wollte ich ihn so lassen, wie er damals kam.

Bild: Marina Kirilova           https://imgpublic.com/user/bm_lova/1682743069/

 

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